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«Die Verpackung der Zukunft ist kreislauffähig» – Empack-Gespräch mit Jeanette Morath

Am 30. und 31. März 2022 findet in der Bernexpo wieder der nationale Branchentreffpunkte Empack 2022 statt.

Diverse Aussteller aus dem Bereich Verpackung präsentieren vor Ort Ihre aktuellen Innovationen und die neusten Lösungen für die Herausforderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Im SVI-Roundtable Gespräch zum Thema gibt Jeannette Morath, Geschäftsführerin/CEO der Recircle AG, Einblicke zu den Themen «Nachhaltigkeit & Kreislaufwirtschaft», «Alternativen zur Verpackung» und «Zukunft Verpackungsmarkt Schweiz». 

1. Thema «Nachhaltigkeit & Kreislaufwirtschaft»

Das Dauerthema in der Europäischen Union ist die so genannte «Circular economy» bzw. Kreislaufwirtschaft. Halten Sie diese Vorschriften für zu einengend und machen sie in Ihren Augen ökologisch Sinn?

Jeannette Morath: Nein, ich halte die Regeln nicht für einengend, denn innerhalb von klaren Grenzen kann auch Innovation entstehen. Und ja, es macht auf jeden Fall Sinn, dass man das politisch und gesetzlich anschaut. Was es in meinen Augen braucht, ist eine klare Definition von Circular Economy. Für den einen reicht es, wenn man seinen Kaffeebecher aus Papier herstellt, denn der Rohstoff ist das wächst ja nachwachsendnach. Bloss kommt auch dieser Kaffeebecher auch nur einmal zum Einsatz und das ist in der Regel weniger ökologisch, als einen Becher hunderte Male zu nutzen. Auch bei Verboten ist Vorsicht geboten: Die Kunststoff Richtlinien der EU, wo die neue Kunststoffrichtlinie schon in Kraft ist, wird in meinen Augen viel Energie darauf verschwendet, wie man sie umgehen kann, anstatt dass man innovative Lösungen sucht. Zum Beispiel packt man jetzt Einwegbesteck in einen Kunststoffbeutel und deklariert es als «abwaschbar». 

Was ist daher besser: eine längere Haltbarkeit – und damit weniger «food waste» – oder der Verzicht auf eine wirkungsvollere Barriere zugunsten der Recyclingfähigkeit?

Wenn man lokal einkauft, muss es nicht so krass verpackt sein, dann hält sie gleich lang, weil die Transportwege kürzer sind. Food waste ist das grössere Thema als Verpackung. Doch mit qualitativ hochwertiger Mehrwegverpackung kann man Lebensmittelverschwendung vermeiden, weil die Reste aufbewahrt und später aufgegessen werden können. Wirkungsvolle Barrieren garantieren längere Haltbarkeit, vor Allem wenn es noch verschweisst werden kann. Hier sollten wir uns überlegen ob wir nicht auf kürzere Transportwege und frischeres Essen setzen sollten. Aber das ist eine andere Diskussion.  

Gibt es da eine gewisse Angst aus Sicht Verpackungsmarketing?

Wir alle haben Angst vor dem Verlust der gewohnten Muster. Das heisst, das Verkaufserlebnis muss so gut werden, dass es angenommen wird. Auch eine Mehrwegverpackung muss die Schutzmechanismen bieten können und die Leute müssen Vertrauen in die neue Art Verpackung gewinnen. Marketing und Kommunikation auf den Behältern muss gewährleistet werden. Das alles schafft man mit einem guten Ökodesign und dann wird die Angst genommen und die ökologischere Verpackung wird gewählt. 

Liegt die Lösung der Nachhaltigkeit in der Verpackung oder eher in der richtigen Entsorgung bzw. Wiederverwendung?

Es gehört beides zusammen. In unserem Fall verwenden wir die Verpackung hunderte Male, bevor wir sie recyclen. Das Schöne am Wiederverwenden ist, dass sich die Konsumierenden bewusst dafür entscheiden. Und das bewirkt eine Verhaltensveränderung. Man wird sensibilisiert auf Verpackung und in der Regel hat man keine Lust mehr auf Einweg umzusteigen. Im Gegenteil, der Schritt weg vom nächsten Einwegartikel ist nicht mehr so schwer. Meistens kommt als nächstes das Besteck, dann der Kunststoffsack usw. Auch bei den Gastronomen zieht das Thema Ökologie ein. So reden sie meist mit ihren Gästen über den Umstieg von Einweg zu Mehrweg und oft machen sie später auch Änderungen in ihrem Sortiment, zum Beispiel ein Vegi-Tag oder nur noch Schweizer Fisch.

Sieht es aus Ihrer Sicht mit Einweg/Recycling oder mit Mehrweg besser?

Mehrweg schneidet in der Regel immer besser ab, darüber gibt es schon viele Ökobilanzen. Je mehr eine Mehrwegverpackung genutzt wird, desto besser schneidet sie ab, am Schluss bleibt nur noch der Waschaufwand. Mehrwegverpackungen sind schwerer, deshalb müssen sie rund 20-mal genutzt werden, je nach dem mit welchem Einwegmaterial man vergleicht. Darauf haben wir bei unserer Materialwahl geachtet, unser Kunststoff ist sehr inert und hochwertig und kann hunderte Male wiederverwendet werden. 

2. Thema «Alternative zum gewohnten Rohstoff»

Es wird bereits auf dem Gebiet geforscht, Kunststoff aus Mais-/ Zuckerrohrzellulose, Biobasierte Bernsteinsäure und anderen Rohmaterialien herzustellen, welcher einfacher und schneller abbaubar ist. Wie sehen Sie dies?

Auf dem Gebiet muss noch viel geforscht werden. Viele dieser Materialien sind mit Additiven versehen, und können oft nicht in der Natur, sondern nur industriell kompostiert werden. Oft können sie gar nicht kompostiert werden, sondern werden zu Biogas – also wieder verlorene Ressourcen für Energie. Bei der Verpackung entsteht der Löwenanteil bei der Produktion – die Entsorgung ist im Lebenszyklus gar nicht so relevant. Wenn man also nun Landwirtschaftsfläche nutzt, um Kunststoff zu machen, finde ich das höchst bedenklich. Ausserdem versteht ja kein Mensch mehr den Unterschied zwischen Kunststoff, Bio-Kunststoff, biobasiertem Kunststoff, biologisch abbaubarem Kunststoff – ich jedenfalls nicht. Wenn wir in echten Kreisläufen denken würden: wiederverwenden wo es Sinn macht und alles recyclebar oder richtig kompostierbar, wäre das einfach!

Haben Sie bereits eigene Erfahrungen auf diesen Gebieten sammeln dürfen und haben eigenständig bereits experimentiert?

Wir haben viele Werkstoffe angeschaut, auch Glas, Alu, biobasierte Kunststoffe. Unsere Produkte haben viele Anforderungen: Abwaschbar, mikrowellentauglich, farbecht, geruchlos, tarierbar, sauber, recyclebar… nur um einige zu nennen. Wir wollen, dass unsere Produkte mindestens 200-mal genutzt werden können, sodass sie wirklich ökologischer sind als Einwegverpackung. Wir verstärken unseren Kunststoff sogar mit 30% Glasfaser, damit er so lange hält wie möglich und das Essen warmhält. Alle Materialien die wir getestet haben, entsprachen nicht unserm Anforderungsprofil. Doch wir bleiben dran! Wir forschen weiter an ökologischerem, hochwertigen Kunststoff.

3. Thema «Zukunft Verpackungsmarkt Schweiz»

Wieso gibt es die schweizerische Verpackungswirtschaft noch und womit können wir punkten, bzw. was macht unseren Wettbewerbsvorteil aus? 

Wir sind top in Sachen Innovation, wir gehen den Sachen auf den Grund. Und wir haben die Mittel um Entwicklungen vorwärts zu treiben. Unsere Kunststoffverarbeiter liefern Top Qualität und sind gar nicht mehr so viel teurer wie Fernost. Wir haben jetzt während Covid gesehen, wieviel Wert lokale Netzwerke haben. Unser Wettbewerbsvorteil ist Qualität und Präzision. Weil wer will eine Verpackung die nicht dicht ist? Wir haben uns auch bewusst dafür entschieden, dass wir in der Schweiz produzieren. Wir entwickeln alles mit Schweizer Designern und Ingenieuren. Ökologie steht vor Gewinn. 

Bräuchte es da mehr Druck von der Politik und von den Gesetzgebern?

Empfehlungen sind gut, und es braucht auch eine gewisse zeitliche Deadline. Das muss nicht übermorgen sein, aber bis 2030 sollte sich schon etwas verändert haben. Es braucht auch gute Beispiele aus dem Alltag, dass man gute Beispiele sieht von nachhaltigen Verpackungen. Und die Politik muss den Fahrplan vorgeben, wohin die Reise verbindlich gehen soll. 

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